Albersdorf - Als Andrea E. und Kai K. an einem Septembersonntag vor einem Jahr auf der Polizeistation Albersdorf gemeinsam ihre Nachtstreife aufnehmen, ahnen sie nicht, was schon kurze Zeit später auf sie zukommen und dass ihr Dienst vorzeitig im Krankenhaus beendet wird.
Es ist kurz nach 20 Uhr, als ein 68-jähriger BMW-Fahrer die Bundesstraße 5 und später die Autobahn 23 in Richtung Süden befährt. Da der Pkw-Fahrer durch seine Fahrweise auffällt und sich auch verkehrsgefährdend verhält, wird er der Einsatzleitstelle der Polizei gemeldet.
Im Rahmen der anschließenden Fahndung beteiligen sich auch die beiden Albersdorfer Beamten an der Suche. Als die Streifenwagenbesatzung das auffällige Fahrzeug an der Anschlussstelle Albersdorf sichtet, versuchen die beiden Beamten das Fahrzeug zu stoppen und den Fahrzeugführer zu kontrollieren. Dieser ist jedoch nicht dazu bereit und versucht, sich der Kontrolle zu entziehen. Es folgt eine filmreife Fluchtfahrt.
Als sie das flüchtige Fahrzeug auf der A 23 stoppen wollen, beschleunigt dessen Fahrer den BMW auf 170 Stundenkilometer. Die beiden Beamten alarmieren über Funk weitere Einsatzkräfte.
Dann reduziert er die Geschwindigkeit seines Pkw und betätigt sogar die Bremse, um anschließend wieder aufs Gaspedal zu treten. Dieses gefährliche „Spiel“ wiederholt der Flüchtige, um plötzlich seinen BMW auf dem Standstreifen der Autobahn zu stoppen, Stand- und Warnblinklicht einzuschalten.
Dennoch sind die beiden Polizisten argwöhnisch. „Sein Verhalten war komisch. Was macht er nur, waren meine Gedanken“, erinnert sich Kai K., als er den Streifenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht zum Stehen bringt. Unvermittelt habe der verdächtige Fahrer seinen Pkw wieder beschleunigt und sei an dem vor ihm stehenden Polizeiwagen direkt nach links auf den Überholfahrstreifen gefahren.
Wiederum nehmen die beiden Streifenbeamten die Verfolgung auf. Kurze Zeit später nutzt der 68-Jährige die Abfahrt nach Schafstedt und befährt zunächst eine Landes- und anschließend eine Gemeindestraße.
Hier hält er plötzlich an. Kai K. setzt den Streifenwagen mit dem bereits eingeschalteten Blaulicht dahinter und wartet vorsichtshalber ab.
„So etwas habe ich noch nie erlebt“, berichtet der Polizeikommissar. Auch deshalb überzeugt er seine Kollegin, vorsichtshalber noch nicht auszusteigen. Ein guter Gedanke, wie sich nur Augenblicke später bestätigt. Der Flüchtige scheint zu allem entschlossen zu sein. Plötzlich schaltet er den Rückwärtsgang ein und fährt mit voller Wucht auf den VW-Bus der Streifenbesatzung und verursacht einen Schaden von 16.000 Euro.
Erst auf einem Feld abseits der Autobahn in Schafstedt endet die Verfolgungsfahrt, als der Flüchtige mit seinem BMW verunfallt und in einem Graben stecken bleibt.
Aber damit nicht genug: Dem 68-Jährigen gelingt es, seinen Wagen zu verlassen und zu Fuß zu flüchten. Letztlich gelingt es Andrea E. und ihrem Kollegen Kai K. aber dennoch, den Flüchtigen zu fassen, als dieser stürzt. Beim anschließenden Gerangel versuchen die beiden Schutzpolizisten, den aggressiven Beschuldigten zu fixieren und ihm Handfesseln anzulegen, stoßen dabei jedoch auf dessen massiven Widerstand.
Am Ende gelingt es Andreas E. und Kai K. aber doch, des renitenten Mannes habhaft zu werden, als weitere Einsatzkräfte am Ort eintreffen.
16 Minuten sind seit der Funkmeldung des verdächtigen Fahrzeugs vergangen, bis der Fahrer bei Schafstedt gestellt werden konnte. Da der Beschuldigte, bei dem auch Cannabis gefunden wurde, unter erheblichen Einfluss von Rauschmitteln steht, wird ihm eine Blutprobe entnommen.
Er kommt noch in der Tatnacht auf die psychiatrische Station exakt des Krankenhauses, in dem auch die beiden Beamten wegen ihrer Verletzungen versorgt werden.
Mit der Untersuchung im Heider Krankenhaus wird auch der Dienst der beiden Polizisten beendet.
Im Verlauf der heftigen körperlichen Auseinandersetzung mit dem Beschuldigten hat die heute 38-jährige Polizistin schmerzhafte Knochenabsplitterungen im Ellenbogengelenk erlitten, die ihre Bewegungsfähigkeit einschränken und sogar einen operativen Eingriff notwendig machen. Sie war vier Wochen nicht dienstfähig Und bei ihrem inzwischen 49-jährigem Streifenkollegen wird im Krankenhaus der Bruch des rechten Mittelhandknochens diagnostiziert. Auch Kai K. musste aufgrund der Verletzung operiert werden und kehrte erst nach zweieinhalb Monaten wieder in den Dienst zurück.
Andrea E., seit 2003 Polizistin, und Kai K., der auf 33 Jahre im Polizeidienst zurückblick, stehen auch ein Jahr später noch spürbar unter dem Eindruck der damaligen Geschehnisse: „Das war alles schon sehr heftig und hätte sogar noch schlimmer ausgehen können. Das wird einem danach erst so richtig bewusst“, berichten sie im Gespräch mit dem „HUPF“-Vorsitzenden Andreas Breitner und Schatzmeister Karl-Hermann Rehr.
Aber auch Positives wissen die beiden Beamten zu berichten: Nach dem unvergesslichen Einsatz habe es an Fürsorge nicht gemangelt. Die Anteilnahme im Kollegen- und Freundeskreis nach dem Einsatz sei groß und hilfreich gewesen. Nach am Abend des Einsatzes hätten sich Vorgesetzte direkt bei ihnen gemeldet und unterstützt. Und mit dem Kriseninterventionsteam seien die Geschehnisse wohltuend aufgearbeitet worden, so die beiden Polizisten.
Aus den Händen von Andreas Breitner erhält die Polizeibeamtin, Mutter von zwei acht und neun Jahre alten Kindern, für sich und ihre Familie einen einwöchigen Erholungsaufenthalt im Allgäu.
Ihr Kollege freute sich über einen Gutschein für einen 10-tägigen Aufenthalt in Bad Wörishofen für sich und seine Frau.
„Gerade Polizistinnen und Polizisten im Streifen- und Einsatzdienst sehen sich täglich und rund um die Uhr herausfordernden Lagen mit unvorhersehbaren Gefahren für Leib und Leben ausgesetzt. Als Repräsentanten des Staats müssen sie sich deshalb der gesellschaftlichen Solidarität sicher sein“, so Breitner. Die körperlichen Wunden mögen verheilt sein, die seelischen seien es oft nicht. „Die Zuwendung durch den Polizeihilfsfonds ist ein solches Zeichen der Gesellschaft, die Anteil daran nimmt, was Polizistinnen und Polizisten im Dienst oft erleben und ertragen müssen“, unterstrich der ehemalige Polizist und Innenminister. Und bewusst beziehe der Fonds die ebenfalls betroffenen Familien oder Partner der verletzten Polizistinnen und Polizisten mit ein. Gewalt gegen Polizeibeamte dürfe in der Gesellschaft niemals zur Normalität gehören, unterstrich der Vorsitzende des Polizeihilfsfonds. "Wir stellen die Tat in den Mittelpunkt, aber auch das Opfer - in diesem Fall die beiden Polizisten." Neben den steigenden Zahlen der Gewalttaten gegen Polizistinnen und Polizisten sei vor allem bedenklich, dass die tätlichen Angriffe offenbar auch schwerer und gravierender werden“, so Andreas Breitner.
Text/Fotos: Thomas Gründemann