Pinneberg - Es war der 21. September vor zwei Jahren, ein Tag den der Pinneberger Polizist Stefan M. wohl nie vergessen wird:
Gemeinsam mit anderen Kollegen observiert der damalige Polizeioberkommissar ein gestohlenes Auto am Krupunder See bei Halstenbek. Als die Täter es holen wollen, greifen die Polizisten zu. Um die Flucht zu verhindern, versucht Stefan M. die Ausfahrt zuzustellen. Doch einer der Diebe will dennoch fliehen. Wie in einem schlechten Krimi beschleunigt der Fahrer mit quietschenden Reifen und aufgewirbelter Staubwolke seinen Pkw und hält direkt auf den heute 53-jährigen Absperrposten zu. Stefan M. zeigte sich jedoch unbeeindruckt und bleibt stehen. Als der flüchtige Pkw-Fahrer weiter auf ihn zuhält, rettet sich der dreifache Familienvater gedankenschnell mit einem beherzten Sprung über die Motorhaube des fahrenden Fahrzeuges und es gelingt ihm sogar, zur Wiedererkennung des Fahrzeugs einen kräftigen Fußabdruck auf die Motorhaube abzugeben. Unverletzt kann sich der Revierbeamte seitlich abrollen.
Stefan M. schildert sachlich die Ereignisse, bei denen er seinerzeit beinahe schwer verletzt oder getötet worden wäre, als am Donnerstagmorgen Andreas Breitner, Vorsitzender des Hilfs- und Unterstützungsfonds der Polizei, kurz „HUPF“, und Karl-Hermann Rehr, Schatzmeister des Vereins, das größte Polizeirevier Schleswig-Holsteins in Pinneberg besuchen. Dabei haben Breitner und Rehr einen Gutschein für den Schutzpolizisten, der dem Beamten mit Frau und seinen beiden jüngsten Kindern (9/12) einen einwöchigen Aufenthalt im Allgäu ermöglicht.
Marcel Kretschmer, sein Revierleiter, hatte gemeinsam mit seinem Patrick Melber Y Baric mit einem Mail an Karl-Hermann Rehr den Anstoß für diese Zuwendung gegeben.
"Auch wenn Stefan glücklicherweise nicht schwer verletzt worden ist, ist uns nicht entgangen, was die erlebten Geschehnisse emotional mit ihm gemacht haben. Man sah es ihm an“, erklärt Kretschmer. Und am selben und darauffolgenden Tage habe er auch noch zu einer Polizeipsychologin Kontakt gehabt. „Das war gut, da ich zu dem Vorfall auch selbst als Zeuge vernommen wurde. Das war schon sehr merkwürdig“, sagte Stefan M.
„Vor allem aber habe ich gemerkt, wie die Ereignisse meine Familie belastet haben. Wenn ich zum Dienst gehe, sind meine Kinder spürbar besorgter als vorher“, sagte der erfahrene Beamte. Auf die Frage, wie er die Zuwendung durch den „HUPF“ persönlich empfindet, sprudelt es aus Stefan M. heraus: „Ich freue mich mega. Insbesondere, dass ich die Woche mit meiner Familie verbringen kann. Vielleicht ist es sogar eine gute Gelegenheit, die damaligen Geschehnisse endgültig abzuschließen“, zeigt sich der Uniformträger gerührt, als er den Gutschein für die Kur- und Betreuungsmaßnahme von Andreas Breitner erhält.
Stefan M. genießt bei Marcel Kretschmer und seinen Kolleginnen und Kollegen große Wertschätzung. Die drückt sich auch darin aus, dass einige von ihnen sogar bei der Übergabe der Zuwendung dabei sind. Und Bedenken, dass der Berufsidealismus von Stefan M., der seit 37 Jahren Polizist ist, nach dem Erlebten möglicherweise Schaden genommen haben könnte, hat Kretschmer auch nicht. „Im Gegenteil. Seine Leidenschaft und Motivation für seinen Beruf ist bei ihm ungebrochen“, so der Erste Polizeihauptkommissar. Der mehrere Sitzungen notwendige Prozess gegen den Pkw-Fahrer vor dem Landgericht Itzehoe wegen des versuchten Totschlags, sei eine besondere Erfahrung gewesen. Während der Verhandlung sei er dem Beschuldigten erstmals unmittelbar begegnet, berichtete Stefan M. Am Ende wurde der 24-jährige Fahrer wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, gefährlicher Körperverletzung sowie tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte zu einer zweijährigen Bewährungsstraße und des Entzugs der Fahrerlaubnis verurteilt.
Beeindruckt habe ihn während des Prozesses jedoch, dass der Anwalt des Täters sogar den Versuch unternommen hatte, ihm die Schuld für das Ereignis zuzuschreiben. „Das habe ich fast schon etwas persönlich genommen, weiß aber natürlich damit umzugehen“, erklärte Stefan M.
Andreas Breitner und Karl-Hermann Rehr reagierten betroffen auf die Schilderungen von Stefan M. „Das zeigt uns als Verantwortliche vom Hilfs- und Unterstützungsfonds der Polizei wie wichtig die Zuwendungen für betroffene Polizistinnen und Polizisten sind“, so Breitner. Physische wie psychische Aggressionen gegenüber Beamtinnen und Beamten im Streifen- und Einsatzdienst dürften nicht verharmlost werden. Sorge mache vor allem auch, dass die Zunahme des Ausmaßes bei gewaltsamen Übergriffen auf Einsatzkräfte der Polizei. „Die Polizistinnen und Polizisten brauchen nicht nur in Krisen den Beifall, sondern vor allem im dienstlichen Alltag den vollen Rückhalt und die Wertschätzung der Gesellschaft. Schließlich sind sie es, die an 24 Stunden, 7 Tagen die Woche und 365 Tage im Jahr für uns da sind“, machte der ehemalige schleswig-holsteinische Innenminister deutlich.
Der Polizeihilfsfonds stehe an der Seite der Polizeibeamtinnen und -beamten, die als Repräsentanten des Staates im Dienst körperlich wie seelisch zu Schaden kommen. „Wir werden nicht müde verletzte Polizistinnen und Polizisten als Anteilnahme und Zeichen der Solidarität mit Zuwendungen bedenken, die ihnen helfen sollen, das Erlebte zu verarbeiten“, so der Vorsitzende des Polizeihilfsfonds. Seit seiner Gründung vor 24 Jahren hat der Hilfs- und Unterstützungsfonds insgesamt in 320 Fällen Zuwendungen an verletzte Polizistinnen und Polizisten vergeben.
Text/Fotos: Thomas Gründemann
Anstieg von Angriffen auf Polizistinnen und Polizisten im Bereich der Polizeidirektion Bad Segeberg
Allein im Bereich der Polizeidirektion Bad Segeberg hat es laut „Polizeilicher Kriminalstatistik“ (PKS) einen spürbaren Anstieg von Attacken auf Beamte gegeben. So waren im vergangenen Jahr 469 Beamtinnen und Beamte Opfer von Gewalt geworden, dem höchsten Wert der vergangenen sechs Jahre. Im Jahr 2023 waren es noch 340. Allein im Kreis Pinneberg sei bei der Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten eine Zunahme der Fallzahlen von fast 38 Prozent zu verzeichnen.